Mein Kriterium: “Glaube ich, dass Du mir die Freundin ausspannen könntest?”
Was macht man, wenn eine Katastrophe eingetreten ist, die sich nicht wiederholen darf. Man macht ein Konzept und beschließt Maßnahmen. Ich brauchte also ein Konzept zur Vermeidung speziellen Fehlverhaltens von anderen.
Aber auch das beste Arbeitsschutz- oder Brandschutzkonzept ist keine Garantie, dass der entsprechende Schaden vermieden wird.
Eigentlich habe ich geglaubt, dass es sich nicht wiederholen wird. Die Wahrscheinlichkeit derartiges zu erleben, habe ich deutlich kleiner als 1% eingeschätzt. Entsprechend winzig wird die Wahrscheinlichkeit, es mehrfach zu erleben. Ich wollte aber absolut sicher sein, dass sich dies nicht wiederholen könnte.
Ähnlich wie es die Amerikaner nach dem 9/11 machten, sollte die rechtzeitig und klar kommunizierte Grundvoraussetzung einer Freundschaft auf den beiden Kriterien meiner Definition des Ausspannens beruhen.
Der einfachste Weg zu verhindern, dass sich ein derartiges Trauma verhindern kann, ist einfach auf alle Freunde und Partnerinnen zu verzichten. Das ist ein brillant einfacher Weg zu verhindern, dass einem die Partnerin von einem Freund ausgespannt werden kann. Ich habe mich mit der Idee ganz wohl gefühlt, keine Freunde mehr zu haben, es gab mir das Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Selbstbestimmung. Ich war sicher, dass sich das Trauma, welches ich gerade erlebte, nicht wiederholen könnte. Innerlich habe ich alle Freundschaften beendet, meine ehemaligen Freunde wussten zu diesem Zeitpunkt davon nichts, und auch ich wusste es noch nicht, aber ich habe es in den folgenden Jahren gemerkt. Es fiel mir sehr schwer mich mit Freunden zu treffen, die weiterhin mit David befreundet waren.
Schnell fällt aber auf, dass ein Leben ohne Freundschaften zwar wirksam ist, aber doch auch sehr radikal und extrem einschneidend, vielleicht unnötig einschneidend ist.
Dann ist da die Frage, ob es nicht vielleicht besser wäre, sich zu entscheiden, Partnerin oder Freunde aber nicht beides gleichzeitig. Diesen Weg bin ich bewusst gegangen auch, da es einfach war, denn eine Partnerin war in dem Moment nicht in Sicht und ich wollte damals auch wirklich keine andere als Diana. Ich habe mich bewusst für meine Freunde entschieden und gegen eine neue Partnerin.
Wenn man diesen Gedanken weiter spinnt, dann kommt man auch schnell auf Überlegungen wie: “Wenn alle meine Freunde weiblich sind, dann können sie meine Partnerin nicht ausspannen”. Ich habe tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, aber fand sie praxisfern und auch unzureichend. Ich wollte alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Beziehungsstatus usw. gleich behandeln. Mein Kriterium musste rein verhaltensbasierend sein. Mein Kriterium war die Frage: “Glaube ich, dass Du mir die Freundin ausspannen könntest?”. Gemeint war “wenn es jemand geschafft hat, meine Freundin dazu zu bringen sich von mir zu trennen, würde er dann danach Sex mit ihr haben obwohl er weis, dass er damit unsere Freundschaft zerstört!”
Dieselskandal
2015 würde der Dieselskandal bei Volkswagen aufgedeckt. Mehr als 30 Milliarden Euro musste der Konzern für Strafen, Entschädigungen, Rückrufe und Rückkäufe ausgeben. Zahlreiche Mitarbeiter wurden vor Gericht angeklagt und bekamen teilweise sogar Haftstrafen. Der Konzern hatte das Vertrauen seiner Kunden, seiner Aktionäre, seiner Mitarbeiter verspielt. Wer ein Auto bestellt hatte, es aber noch nicht geliefert bekam, wollte es nicht mehr oder nicht mehr zum vereinbarten Preis. Kunden, die es wussten, wollten das Auto nicht mehr. Um zu verhindern, dass sich derartiges wiederholen könnte, wurden ein neues Vorstandsressort “Integrität und Recht / Compliance” und ein Whistleblower System eingeführt.
Was würde ich tun um dem entgegen zu wirken? Auch beim Bewerbungsprozess wurden die Schwerpunkte verschoben. Fragen zu ethischem Verhalten bei Entscheidungsfindung und Verantwortung wurden eingeführt, um Integrität und Verantwortungsbewusstsein zu evaluieren. Lebensläufe und Referenzen von Kandidaten wurden geprüft. Im Onboarding wurden Compliance-Schulungen früh platziert. Mit anderen Worten, es wurden konkrete Maßnahmen ergriffen, um zu vermeiden, dass kriminelle Mitarbeiten eingestellt werden würden. Es war ein Versuch, in die Zukunft zu blicken und das zukünftige Vorgehen des potentiellen Mitarbeiters vorhersagen.
Bewerbungsgespräche
Wenn ich mit einem Kandidaten ein Bewerbungsgespräch führe, dann bereite ich mich vor. Ich lese die Bewerbungsunterlagen und überlege mir, welche Fragen ich stellen möchte. Ich prüfe aber nur zwei bis drei Aspekte, die für die Stelle relevant sind. Andere Aspekte werden von Kollegen angesprochen. Ich bin pünktlich zum Bewerbungsgespräch. Mein Ziel ist es, gemeinsam mit dem Kandidaten Indizien für das richtige Verhalten aus der beruflichen Vergangenheit zu finden. Die Perspektive ist also eine andere: Ich versuche nicht, möglichst fiese Fragen zu stellen und habe gewonnen, wenn der Kandidat diese nicht beantworten kann. Vielmehr arbeiten wir gemeinsam daran, die Gründe für eine Einstellung zu beleuchten, damit ich diese später nutzen kann, um den Rest des Teams zu überzeugen. Dann haben wir beide gewonnen.
Fiktive Fragen über die Zukunft mit Konjunktiven sind dabei allerdings nicht zielführend: Beispiele: „Was würden Sie tun, wenn ein Vorgesetzter Sie zu einem regelwidrigen Verhalten auffordert?“ Oder „Wie gehen Sie mit Zielkonflikten zwischen Unternehmenszielen und gesetzlichen Vorgaben um?“
Es geht um konkrete Fragen aus der professionellen Vergangenheit des Kandidaten: Also beispielsweise “Erzähl’ mir von einer Situation, in der Dich dein Chef oder ein Kollege kritisiert hat?” oder auch: ”Erzähl mir von einem Fehlschlag. Warum schien es wie eine gute Idee? Was ist dabei schief gelaufen und was hast Du daraus gelernt?”
Ich weis diese verhaltensbasierten Fragen sind echt schwierig zu beantworten und ich empfehle jedem sich darauf gut vorzubereiten. Wenn aber ein Kandidat gut vorbereitet ist, die Situation, seine Aufgaben, seine Handlungen und die Ergebnisse vernünftig schildern kann, dann ich es möglich, die Vorgehensweise und Denkmuster des Kandidaten nachzuvollziehen. Versucht er das Problem alle zu lösen, delegiert er alles, Fragt er Kollegen oder Kunden nach ihrer Meinung, bewirft er Beratungsfirmen mit Geld, um die Aufgabe zu übernehmen? Gründet er ein neues Team oder Startup? Bleibt er in der Verantwortung? Hat er etwas erfunden oder macht er eher “Business as usual”?
Die eigentliche Frage ist nicht immer essentiell, sie dient nur als Conversation-Starter für die Diskussion und erlaubt es, mit Rückfragen den Kandidaten an konkreten Beispielen kennenzulernen.
Fragen nach Fehlschlägen sind Fragen nach Erfahrung und Einsicht und Selbstreflexion.
Aber was ist, wenn der Kandidat lügt? Mit den Rückfragen “grabe” ich mich als Interviewer tief in konkrete Details der Geschichte, dabei können weiter Indizien zu Tage gefördert werden, aber nebenher wird die Geschichte dadurch glaubhafter oder es entsteht ein Eindruck, belogen worden zu sein.
Wenn der Eindruck entstanden ist, dass der Kandidat gelogen hat, dann wird das nachher im Team angesprochen. Die anderen Interviewer gehen darauf ein, lassen sich ggf. überzeugen und geben ihre Eindrücke weiter. Wenn aber mehrere Interviewer den Eindruck bekommen haben, dass der Kandidat lügt, dann ist das ein KO Kriterium. Die Bewerbungsrunde ist sofort beendet.
Auch wenn die gesammelten Beweise keine klaren Stärken in den relevanten Bereichen aufzeigen oder einfach zu schwammig geblieben sein, dann wird ein Kandidat immer abgelehnt.
Jeder Kandidat - auch die potentiellen Lügner - bekommt die Chance sich später noch einmal auf eine andere Stelle zu bewerben.
So wird aus einem: “Wir wollen nicht, dass Du hier arbeitest” ein “Wir konnten diesmal nicht deutlich genug darlegen, dass Du in allen notwendigen Bereichen ausgeprägte Stärken ausziehst”. Das und auch das gemeinsame Arbeiten am gleichen Ziel, nämlich einer Einstellung, ist aus meiner Sicht super positiv.
Warum wollte ich eigentlich nicht mehr mit David befreundet sein? Das Risiko, dass er sein Fehlverhalten wiederholen könnte, war mir einfach zu hoch. Wichtig war tatsächlich nicht, ob er mir meine Freundin ausgespannt hat, vielmehr ging es mir generisch um die Einstellung. Eine Freundschaft sollte von beiden Seiten die gleichen fairen Werte vertreten und ich konnte mir nicht vorstellen, so feindlich wie David zu handeln.
Ich habe versucht möglichst objektiv zu bewerten: ”Ob ich glaube, dass jemand aufgrund seiner charakterlichen Eigenschaften bei Gelegenheit versuchen würde, mir die Partnerin auszuspannen”. Oder kurz: “Glaube ich, dass Du mir die Freundin ausspannen würdest”. Ja, David, ich glaube, dass Du genau das wieder tun würdest, daher möchte ich, dass Du keinen Kontakt zu meinen zukünftigen Partnerinnen haben wirst. Auch wäre ich beim zweiten Mal mit Schuld, wenn ich solches Verhalten beim ersten Mal tolerieren würde.
Um diese Frage zu beantworten, habe ich mit jedem meiner engeren Freunde ein Gespräch geführt und am Beispiel “David und Diana” versucht, verhaltensbasierte Antworten objektiv zu beurteilen. Dazu habe ich konkret versucht, die Schlüsselsituationen von Davids Fehlverhalten durchzuspielen und gefragt, wie sich der befragte in dieser Situation verhalten würde. Vom konkreten Szenario “David und Diana” bin ich von abstrakten Fragen zum Verhalten gekommen. Hierbei ging es immer darum welches Verhalten ist mit einer Freundschaft vereinbar. Wir haben den Grenzbereich der Freundschaft genau beleuchtet. Danach habe ich wieder konkret über meinen Freund und mich über die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft gesprochen. Ich habe die Ergebnisse notiert und später ausgewertet.
Ich habe dabei immer an ein Schulnotensystem gedacht. David war in dem System zweifelsfrei eine sechs, denn eindeutiger konnte ich die Frage “Glaube ich, dass Du mir die Freundin ausspannen würdest” nicht beantworten. Unklar war mir aber anfänglich das obere Spektrum der Skala. Auch zeichnete sich ab, dass diese einfache Ja/Nein-Frage oft mit “unklar”, “eher nein”, “neutral” oder ähnlich vagen Ergebnissen beurteilt werden musste. Diese habe ich meistens mit einer Drei Oder Vier bewertet. Mir war nicht klar, wie ich damit umgehen sollte. David waere vermutlich bevor der Diana kannte auch eine drei gewesen. Ich habe versucht die Beurteilung in weiteren Gesprächen zu festigen.