Keksdosenlüge
Wenn jemand eine Aussage trifft, dann möchte er damit eine Nachricht kommunizieren.
Wenn jemand lügt, dann möchte er den Gesprächspartner täuschen und ihn von Unwahrheit überzeugen.
Es gibt aber auch eine spezielle Form der Lüge, die nur als Lüge interpretiert werden kann. Diese Lüge enttarnt sich quasi selbst sofort. Sie ist eine Lüge, deren Erwähnung, wenn man sie als Wahrheit interpretiert, einfach keinerlei Sinn ergibt.
Ich nenne diese Form der Lüge Keksdosenlüge, da ich dabei immer an ein Bild erinnert werde.
Ich denke bei dieser Form der Lüge an ein etwa sechsjährigs Einzelkind. Es sagt vollkommen aus dem Kontext gerissen so etwas wie: “Ich habe die Keksdose auf dem Kühlschrank nicht leer gemacht.”
Als Empfänger dieser Nachricht denkt sich das Elternteil. Haben wir eine Keksdose auf dem Kühlschrank? Ja, stimmt da war eine Keksdose. Die benutzen wir doch aber nicht wirklich. Die Kekse sind ja noch von Weihnachten. Die müssten ja steinhart geworden sein.
Warum spricht mein Kind die Keksdose an? Es sollte gar nicht wissen, dass diese Keksdose existiert. Es ist inzwischen in der Lage am Kühlschrank hoch zu klettern und auf den Kühlschrank zu greifen.
Die wichtige Frage ist aber: Warum hält es mein Kind für relevant diese Aussage jetzt gerade zu treffen.
Dadurch, dass die Keksdose nicht Teil der aktuellen Kommunikation gewesen ist offenbart das Kind worüber es aktuell nachdenkt. Das Kind offenbart, dass es von der Keksdose weiss. Zudem weiss das Kind offenbar, dass die Keksdose leer ist. Es gibt im Haushalt niemand anderen, der diese Kekse essen würde.
Kurzum diese Aussage ist ziemlich sicher eine Lüge und ziemlich sicher wird das Kind die Keksdose kürzlich vom Kühlschrank geangelt und leer gemacht haben.
Die meisten Eltern werden nach so einer Aussage erstmal zum Kühlschrank gehen, schauen wo die Keksdose ist, ob der Deckel noch richtig sitzt und was sich darin befindet. Es ist also ganz einfach zu Prüfen ob diese Keksdose-Aussage eine Lüge ist.
Kann diese Keksdose-Aussage stimmen?
Ich erwarte, dass eine derartige Aussage in dieser Situation ohne Kontextbezug praktisch immer eine Lüge ist.
Andere Situation:
Wenn ich in einem Haushalt mit fünf Kindern wohne und merke, dass jemand die frischen Lieblingskekse meiner Kinder leer gemacht hat. Dann könnte ich das Thema Keksdose selbst gezielt ansprechen. Wenn ich dann erst meine äußerst ernährungbewusste Partnerin frage, ob sie alle Kekse gegessen hat, dann dürfte die gleiche Aussage wie oben: “Ich habe die Keksdose auf dem Kühlschrank nicht leer gemacht” normalerweise der Wahrheit entsprechen.
Nadines Keksdose
“Ich versichere Dir, dass ich mich nicht wegen einem neuen Freund von Dir trenne.”
Ich habe sofort, das Bild von Sascha vor meinen Augen gehabt. Das Bild wie er in meiner WG in Darmstadt war und mich aus viel zu kurzer Entfernung mit versteinerter Miene anstarrte.
Hätte Nadine von etwas anderem gesprochen haben können? Meine Fantasie war nicht in der Lage eine Alternative zu finden.
Nadine eine Frage beantwortet, die ich nicht gestellt hatte. Ich hätte diese Frage nicht einmal ansatzweise unterbewusst stellen können, da ich ganz grundlegend keinen Verdacht hatte. Ich war fest davon ausgegangen, dass sie mich nicht wegen Sascha verlässt und dass ihre Aussage daher auch überflüssig und extrem überraschend ist.
Jetzt hatte sie aber das Thema “Sascha F.” zur Trennung auf die Tagesordnung gesetzt.
Nadines Verhalten am dritten Oktober war sehr auffällig ungewöhnlich. Seit dem waren ziemlich genau zwei Wochen vergangen bis zur Trennung. Das ist ziemlich exakt genau die Zeit die Diana nach der ersten Nacht mit David bis zur Trennung benötigte.
Kurzum Nadine hatte mich mit Ihrer Keksdosenlüge in absoluter Rekordzeit von einer Theorie überzeugt:
- Nadine ist eine Lügnerin
- Nadine trennt sich wegen Sascha F. heute von mir
- Sascha F. hat mit Nadine vor der Trennung bereits abgesprochen, dass beide danach ein Paar sein werden
- Sascha F. hat das Nadine bereits verbindlich bestätigt
Irgendwie sprach alles dafür aber eventuell war dies auch teilweise ein Vorurteil. Wie es aber bei einem guten Wissenschaftler so ist muss eine gute wissenschaftliche Theorie auch gewisse Vorhersagen treffen können um sich verifizieren oder falsifizieren zu lassen.
Die Vorhersage meiner Theorie war einfach:
- Nadine und Sascha würden bald Sex haben oder hatten bereits Sex
- Es ist unmöglich für mich das zu verhindern
- Sascha wusste vor mir von Nadine von unserer Trennung
- Sascha ist Sex mit Nadine wichtiger als unsere Freundschaft
- Sascha ist ein Lügner
Ist Nadine eine Lügnerin?
Es fühlte sich zutiefst verstörend von Nadine belogen zu werden. Wir hatten doch vor ein paar Minuten erst über die “Ich liebe Dich”-Lügen gesprochen. Ich habe doch gerade erst besorchen, dass Lügen nicht akzeptabel sind und eine rote Linie darstellen. Insbesondere würde ich Nadine niemals so belügen.
Diese Keksdosenlüge war ein ziemlich verstörender Start in die neue Art der Freundschaft, die sich vor uns befand. Eigentlich war es eher das Ende, der kürzesten Freundschaft der Welt. Ich glaube wirklich, dass wir hier einen Rekord aufgestellt haben. Vermutlich ist selten so wenig Zeit vergangen zwischen dem ausgesprochenen Bekenntis “Freunde zu bleiben” und dem Ende der Freundschaft durch Missachtung deutlich kommunizierter Grenzen.
Ich wollte Sascha F. sofort zur Rede stellen. Wir waren ja in wenigen Stunden im Courage verabredet. Ich wollte ihm sagen, dass Nadine sich von mir getrennt hat und dass ich glaube, dass er und sein Verhalten der Grund dafür ist.
Aber im Moment sass ich mit Nadine im Amrit unweit von einem Brunnen.
Ich wollte meine neue Theorie überprüfen.
Ich wollte, dass Nadine mit kommt ins Courage. Ich wollte, dass wir dort gemeinsam von unserer Trennung berichten. Außerdem war ich fest davon überzeugt, dass ich an Mimik und Gestik von Sascha und Nadine sofort erkennen würde, dass Sascha von der Trennung bereits wusste und dass die beiden bei der nächsten Gelegenheit Sex haben würden.
Saschas Gesichtsausdruck am dritten Oktober war ja ein wichtiger Hauptgrund für die Annahme, dass ich belogen werde. Noch nie habe ich so einen Gesichtsausdruck bei einem anderen Menschen gesehen.
Daher forderte ich Nadine auf mit ins Courage zu kommen.
Aber Nadine hat sich mit Händen und Füßen gewehrt. Mir wurde schnell klar, dass sie nicht mitkommen würde. Ich versuchte mir irgendeinen Grund für ihre Antwort auszumalen. Aber meine Fantasie konnte sich keinen Grund ausmalen. Ich fragte sie direkt was sie denn sonst vorhatte. Sie hatte aber nicht besseres vor. Sie antwortete, dass sie wahrscheinlich alleine zu Hause am Computer Solitaire spielen würde und dabei Zigaretten rauchen würde. Dieses Verhalten kannte ich von ihr, das war ihre Art nichts zu tun. Irgendwie wirkte sie traurig gar depressiv. Ich wunderte mich warum sie bei einer Trennung traurig wird wenn sie es doch war, die den Wunsch zur Trennung geäußert hatte. Ich konnte jedenfalls nicht nachvollziehen, dass sie alleine depressiv Solitaire spielen einem geselligen Abend gegenüber bevorzugt. Daher habe ich weiter gebohrt und ein weiteres Indiz zu Tage gefördert. Nadine fing an über Freunde zu sprechen, meine Freunde und ihre Freunde. Sie drückte eine ganz klare Aversion gegen meine Freunde aus und wünschte sich generell unsere Freundeskreise zu trennen. Das war jetzt zwar ein guter Grund für sie nicht mitzukommen, aber ich hatte nicht verstanden warum sie meine Freunde so ablehnte. Auch war mir vollkommen unklar warum ihre Ablehnung meiner Freunde bedeutete, dass sie ihre Freunde von mir trennen wollte. Meine konkreten Nachfragen blieben aber offen.
Nadine wollte also angeblich, dass wir Freunde bleiben, aber ohne unsere Freundeskreise zu involvieren. Mit anderen Worten sie wollte mich immer nur alleine Treffen. Ich fand das extrem ungewöhnlich. Es bedeutet auch immer so eine Art Date-Format (ein Mann und eine Frau). Ich hatte aber auch keine anderen platonischen Freunde, die ich primär im Date-Format treffen würde.
Das hatte ich so heftig nicht erwartet. Für mich und meine “Sascha F.”- Theorie bedeutet dies zum einen, dass mir die Mimiken der beiden verwehrt bleiben und so eine Verifizierung oder Falsifizierung erschwert wird. Auf der anderen Seite war Nadines Ablehnung aber auch ein weiterer knallharter Grund fest an die “Sascha F.”-Theorie zu glauben. Insbesondere das Trennen der Freundeskreise wirkte wie eine Ausrede und ist ein weiterer Grund an die “Sascha F.”-Theorie zu glauben. Auf der anderen Seite war ich aber auch irgendwie erleichtert, dass sie mir nun versichert hatte sich von Sascha F. fernzuhalten. Nur der starke Eindruck belogen zu werden, nagte sehr an mir. Auf der anderen Seite wollte sie offenbar, dass ich auch ihre wenigen Freundinnen nicht nach Sascha F. fragen kann. Das war ein weiterer klarer Nachteil, denn so würde es mir schwer fallen, meine Theorie zu verifizieren oder zu falsifizieren.
Nadine hatte vermutlich absichtlich ein etwas kleines Zeitfenster für die Trennung vorgesehen und so musste ich dann auch bald weiter um mich mit Sascha und Micha im Courage zu treffen. Ich fragte sie weiter ob sie nicht mitkommen wollte, aber konnte sie nicht überreden.
Auf dem Weg nach draußen erzählte sie mir etwas vom Schlussmachen per SMS und wie viel besser sie doch war.
Ich habe auf dem Weg ins Courage darüber nachgedacht. Natürlich ist es viel besser die wichtigen Entscheidungen im Leben von Angesicht zu Angesicht zu besprechen. Aber falls Nadine mich wirklich nicht wegen Sascha F. verlassen hatte, warum hatte ich dann so ein schlechtes Gefühl nach ihrer Keksdosenlüge? Warum hatte ich keine Antworten auf die entscheidenden Fragen erhalten. Der Nachteil einer SMS blieb mir hier teilweise versteckt.
Immerhin hatte ich ihr Wort, dass sie sich von Sascha fernhalten wird. Aber wie viel ist das Wort meiner Ex-Freundin wert?
Im Courage habe ich dann entgegen der ursprünglichen Planung nicht über die Trennung gesprochen. Wenn Nadine sich wie besprochen von Sascha Fricke fernhalten würde, dann könnte er weder ein Trennungsgrund gewesen sein, noch Sex mit ihr haben. Ich wollte dennoch wissen, ob Sascha irgendetwas weiß oder unterbewusst preisgibt. Aber Sascha zeigte weder verbal, noch erneut in Mimik oder Gestik extreme Auffälligkeiten. So kam es dann doch irgendwie, dass ich Sascha F. nicht sofort zur Rede gestellt habe.
Ich habe ihm aber auch nicht gesagt, dass Nadine sich von mir getrennt hat. Wenn er das gewusst hätte, dann zweifelsfrei von Nadine.
So fuhr ich nach dem Wochenende zurück nach Darmstadt und grübelte ob Nadine jetzt mit Sascha Sex haben würde.